Warum Sicherheit ohne Frauen scheitert

04 February 2026

Our expert, Annika Hilding Norberg, was featured in an interview with Brigitte Quint for Militär Aktuell. You can read her interview below.

Technologische Macht verändert Gewalt und Sicherheit, viele Menschen werden dabei oft übersehen, sagt Annika Hilding Norberg vom Geneva Centre for Security Policy. Geschlechtergleichstellung sei deshalb kein moralisches Versprechen, sondern eine Bedingung für widerstandsfähige Gesellschaften. Ein Gespräch am Rande der WPS-Woche in Wien.

Die Welt ist instabiler geworden, fragmentierter, unberechenbarer. Kaum eine sicherheitspolitische Analyse kommt ohne diese Diagnose aus. Annika Hilding Norberg beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Frage, was das für Friedenseinsätze bedeutet und warum Geschlechtergerechtigkeit dabei kein moralisches Beiwerk ist, sondern eine Voraussetzung für Wirksamkeit.

Als Leiterin des Bereichs Friedenstruppen und Friedensförderung am Geneva Centre for Security Policy berät sie Regierungen, internationale Organisationen und militärische Führungskräfte. Sie erlebt, wie politische Rückschläge, geopolitische Blockaden und knappe Budgets die Agenda „Frauen, Frieden und Sicherheit” unter Druck setzen. Und sie sieht zugleich, dass Friedenseinsätze dort an Qualität gewinnen, wo Geschlechterperspektiven systematisch in Analyse und Praxis einfließen.

Annika Hilding Norberg leitet am Geneva Centre for Security Policy (GCSP) die Arbeit zu Friedenseinsätzen und Friedensförderung. Sie berät Regierungen und internationale Organisationen, betreibt politiknahe Forschung und verantwortet Bildungs- und Trainingsprogramme. Das Gespräch fand im Rahmen der WPS-Woche in Wien im Bruno Kreisky Forum statt.

In diesem Gespräch spricht sie darüber, warum die Sicherheitslage gefährlicher geworden ist, weshalb Gleichberechtigung nicht zur Disposition stehen darf und wie Frieden dennoch denkbar bleibt in einer Welt, die zwischen Abschreckung nach außen und Erosion nach innen schwankt.

Frau Hilding Norberg, Frauen sind weltweit nach wie vor stark unterrepräsentiert in sicherheits- und verteidigungspolitischen Entscheidungsprozessen. Woran liegt das?
Trotz jahrzehntelanger Bemühungen sind wir von echter Parität noch weit entfernt. In vielen Ländern beobachten wir sogar Rückschritte. Politische Polarisierung, geopolitische Spannungen und Haushaltskürzungen treffen geschlechterpolitische Themen oft zuerst. Auch die Möglichkeiten für Frauen, sich substanziell an Friedensprozessen zu beteiligen, werden zunehmend eingeschränkt.

Gleichzeitig sollten wir Fortschritte anerkennen. Die Vereinten Nationen haben im Bereich der Friedenssicherung bemerkenswerte Erfolge erzielt und in einigen Bereichen ein Maß an Parität erreicht, das viele nationale Polizeien und Streitkräfte bislang nicht vorweisen können.

Wird Geschlecht in der Sicherheitspolitik noch immer als Zusatzthema behandelt – und nicht als Teil ihres analytischen Kerns?
Lange Zeit war das so. Doch gerade im Peacekeeping hat sich das geändert. Heute ist anerkannt, dass Geschlechterperspektiven operative Relevanz haben. Sie verbessern das Lagebild, die Qualität von Risikoanalysen und die Fähigkeit, effektiv mit der lokalen Bevölkerung zu interagieren. Gleichwohl erleben wir derzeit einen Rückschritt. Wenn Budgets schrumpfen, wird Gender oft als Erstes gestrichen. Ohne eine geschlechtersensible Perspektive sehen und verstehen wir jedoch nur einen Ausschnitt des Konflikts.

„In einer Zeit, in der sich viele Staaten aus der Förderung geschlechtersensibler Friedenseinsätze zurückziehen, schafft Österreich weiterhin Räume für substanzielle internationale Debatten.“

Welche Staaten und Institutionen nehmen die Agenda „Frauen, Frieden und Sicherheit” ernst und wer begnügt sich mit Lippenbekenntnissen?
Viele Staaten haben die Agenda inzwischen in nationale Politiken und Verfahren aufgenommen. Was einst vor allem ein Anliegen nordischer Länder war, ist deutlich globaler geworden. Doch der Widerstand bleibt stark. Einige Länder, darunter Russland, China und inzwischen auch die Vereinigten Staaten, setzen die Agenda nicht nur selbst nicht um, sondern versuchen aktiv, ihre Weiterentwicklung auch anderswo zu blockieren. Das ist bedauerlich und kurzsichtig.

Gleichzeitig gibt es ermutigende Beispiele. Bei der UN Review Week zu Friedenseinsätzen im November 2025 in New York, bei der die Ergebnisse der Jahreskonferenz der International Association of Peacekeeping Training Centres aus dem Jahr 2024 vorgestellt wurden, hob Pakistan weltweite Fortschritte bei der Umsetzung der WPS-Agenda als eine der zentralen Erkenntnisse hervor. In Islamabad gehörten einige der besten Vortragenden zu den weiblichen Friedenstruppen. Auch Österreich spielt eine wichtige Rolle: In einer Zeit, in der sich viele Staaten aus der Förderung geschlechtersensibler Friedenseinsätze zurückziehen, schafft Österreich weiterhin Räume für substanzielle internationale Debatten.

Einige Länder sprechen von einer „feministischen Außenpolitik”. Kann ein solcher Ansatz in einer konfliktreicheren Welt bestehen?
Der Begriff kann Debatten eröffnen, provoziert aber oft unnötigen Widerstand. In Schweden etwa führte das Aufkommen einer feministischen Partei dazu, dass alle anderen Parteien Aspekte der Geschlechtergleichstellung stärker in ihre Programme integrierten. Manchmal braucht es Vorreiter. Wird ein Ansatz erfolgreich verfolgt, ziehen andere nach. So wird das Thema hoffentlich Teil des Mainstreams.

Langfristig halte ich einen integrativen Ansatz für entscheidend. Wichtiger als das Etikett ist, Gleichberechtigung in allen Politikbereichen mitzudenken. Fortschritte lassen sich mitunter wirkungsvoller „unter dem Radar” erzielen, indem informierte und inklusive Praxis zur neuen Normalität gemacht wird; statt auf politisch aufgeladene Begriffe zu setzen.

Wie sähe eine geschlechtersensible Sicherheitsperspektive konkret im militärischen oder friedenssichernden Alltag aus?
Sie würde anerkennen, dass Krieg und Konflikt von Männern und Frauen unterschiedlich erlebt werden und unterschiedliche Auswirkungen haben. Militärische und friedenssichernde Praxis muss daher in Planung, Einsatz und Evaluierung angepasst werden. Risiken und Bedrohungen sind nicht dieselben, Gewalterfahrungen unterscheiden sich, ebenso der Zugang zu Schutz.

In Teilen des Globalen Südens gilt die WPS-Agenda als westliches Konzept. Wie kann sie inklusiver und globaler werden?
Indem sie lokal verankert wird. Die Agenda gewinnt, wenn sie an bestehende gemeinschaftliche Mechanismen der Konfliktlösung anknüpft – und verliert, wenn sie als geopolitisches Instrument wahrgenommen wird. Viele Regionen verfügen über eigene, oft sehr inklusive Traditionen der Streitbeilegung. Diese Perspektiven müssen aufgenommen werden, statt sie zu überlagern.

„Frauen sind IN SICHERHEITSPOLITISCHEN DEBATTEN unterrepräsentiert, ebenso junge Menschen, marginalisierte Gruppen und Menschen aus unmittelbar von Konflikten betroffenen Ländern.“

Welche Stimmen fehlen derzeit am meisten in internationalen sicherheitspolitischen Debatten und warum?
Frauen sind unterrepräsentiert, ebenso junge Menschen, marginalisierte Gruppen und Menschen aus unmittelbar von Konflikten betroffenen Ländern. Diese Stimmen fehlen, weil Machtstrukturen historisch exklusiv waren. Ohne deren Veränderung wird sich auch die Debattenkultur nicht wandeln.

Gibt es blinde Flecken in der Sicherheitsforschung, die aus ihrer traditionell männlich geprägten Ausrichtung resultieren?
Ja. Lange Zeit war Sicherheitsforschung eng, staatszentriert und männlich dominiert. Das ändert sich jedoch. Immer mehr Frauen promovieren in sicherheitsrelevanten Disziplinen und prägen neue Forschungsagenden. Entscheidend ist dabei, dass Frauen nicht auf die WPS-Thematik beschränkt werden. Sie müssen auch zentrale Fragen wie Künstliche Intelligenz, Rüstung, Abschreckung und den Einsatz von Gewalt mitgestalten.

Blickt man zehn Jahre voraus: Welche Themen sollten sicherheitspolitische Debatten aus Geschlechterperspektive prägen?
Erstens muss die Wechselabhängigkeit von Sicherheit, Frieden, Menschenrechten und Entwicklung klarer verstanden und aktiv verfolgt werden. Ihre getrennte Behandlung untergräbt nachhaltige Sicherheit, insbesondere für marginalisierte Gruppen.

Zweitens verändert technologische Macht in all ihren Formen rasant die Natur von Gewalt und Unsicherheit. Die zentrale Herausforderung wird darin bestehen, neue Technologien zum Wohle der Allgemeinheit zu steuern, statt sie Ausgrenzung, Überwachung oder militarisierte Gewalt verstärken zu lassen.

Drittens wird die Rolle junger Menschen in Konflikt- und Friedensprozessen noch entscheidender. Sie sind überproportional von Unsicherheit betroffen, verfügen aber zugleich über großes Veränderungspotenzial. Ihre substanzielle Einbindung ist daher unerlässlich.

Schließlich müssen Gesellschaften Gleichberechtigung zunehmend als Voraussetzung für Stabilität begreifen – und nicht als nachrangiges oder rein aspiratives Ziel. Geschlechtergleichstellung ist kein Luxus des Friedens, sondern eine grundlegende Bedingung für widerstandsfähige und friedliche Gesellschaften.

Hier geht es zum Bericht über die WPS-Woche in Wien mit allen Interviews zum Thema.

Disclaimer

This publication was originally published on Militär Aktuell. The views, information and opinions expressed in this publication are the author’s/authors’ own and do not necessarily reflect those of the GCSP or the members of its Foundation Council. The GCSP is not responsible for the accuracy of the information.

Information
By Ms Annika Hilding Norberg, Head of Peace Operations and Peacebuilding, GCSP

Experts